Veröffentlicht am März 11, 2024

Entgegen der Annahme ist Haarporosität kein festes Label, sondern ein dynamischer Zustand, der von der Chemie Ihrer Produkte und der Wasserqualität an Ihrem Wohnort abhängt.

  • Die Fähigkeit Ihres Haares, Feuchtigkeit aufzunehmen und zu halten, wird direkt von der Öffnung seiner äußeren Schuppenschicht (Kutikula) bestimmt.
  • Faktoren wie der pH-Wert Ihres Shampoos und die Wasserhärte (Kalkgehalt) in Ihrer Region beeinflussen die Schuppenschicht stärker als viele teure Pflegeprodukte.

Empfehlung: Analysieren Sie nicht nur Ihr Haar, sondern auch Ihr Leitungswasser und die INCI-Listen Ihrer Produkte, um eine wirklich wirksame Pflegeroutine zu entwickeln.

Fühlt sich Ihr Haar manchmal an wie ein widerspenstiges Mysterium? Sie investieren in hochwertige Masken, Seren und Öle, doch das Ergebnis ist enttäuschend. Entweder scheinen die Produkte wirkungslos auf der Oberfläche zu liegen, oder Ihr Haar saugt sie auf wie ein Schwamm, nur um nach kurzer Zeit wieder trocken und spröde zu sein. Viele Ratgeber führen diese Probleme auf die sogenannte „Haarporosität“ zurück und empfehlen simple Tests, um das Haar in Kategorien wie „gering“, „normal“ oder „hoch“ einzuteilen. Doch diese Einteilung kratzt nur an der Oberfläche.

Die Wahrheit ist komplexer und wissenschaftlicher. Haarporosität ist keine statische Eigenschaft, sondern das Resultat einer ständigen Interaktion zwischen der physikalischen Struktur Ihrer Haarfaser, der chemischen Zusammensetzung Ihrer Pflegeprodukte und sogar der Qualität Ihres Leitungswassers. Zu verstehen, warum Ihr Haar so reagiert, wie es reagiert, erfordert einen Blick auf die molekulare Ebene. Es geht um den pH-Wert, die Größe von Proteinmolekülen und die mineralische Zusammensetzung des Wassers, das täglich Ihre Haare berührt.

Dieser Artikel verlässt die Pfade der oberflächlichen Tipps. Wir tauchen tief in die Haarbiologie ein, um die Mechanismen hinter der Porosität zu entschlüsseln. Sie werden lernen, nicht nur die Symptome zu erkennen, sondern die Ursachen zu verstehen. Am Ende werden Sie in der Lage sein, Produktentscheidungen wie ein Experte zu treffen – basierend auf wissenschaftlichen Prinzipien, nicht auf Marketingversprechen. Wir werden die Rolle von Wasserhärte in Deutschland, die Wirkung von spezifischen Inhaltsstoffen und die fatalen Kombinationen, die es zu vermeiden gilt, beleuchten.

Der folgende Leitfaden ist strukturiert, um Ihnen ein tiefgreifendes Verständnis der Zusammenhänge zu vermitteln. Von den fundamentalen Fragen zur Feuchtigkeitsaufnahme bis hin zur praktischen Anwendung im Alltag – wir decken alle Aspekte ab, die für eine fundierte Haarpflege entscheidend sind.

Warum saugt Ihr Haar Wasser auf wie ein Schwamm und verliert es sofort wieder?

Dieses Phänomen, oft als „Schwamm-Effekt“ bezeichnet, ist das klassische Kennzeichen für hoch poröses Haar. Die äußere Schutzschicht des Haares, die sogenannte Schuppenschicht oder Kutikula, besteht aus dachziegelartig überlappenden Zellen. Bei hoher Porosität sind diese „Dachziegel“ aufgeraut und stehen weit offen. Dadurch kann Wasser (und Feuchtigkeit aus Pflegeprodukten) extrem schnell in den Haarschaft eindringen. Das Problem: Genauso schnell, wie die Feuchtigkeit eindringt, entweicht sie auch wieder, da die beschädigte Struktur sie nicht halten kann. Das Haar fühlt sich kurz nach der Pflege gut an, wird aber rasch wieder trocken und frizzy.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig: chemische Behandlungen wie Blondieren oder Färben, häufige Hitzestylings oder aggressive UV-Strahlung schädigen die Kutikula. Aber auch ein oft übersehener Faktor spielt eine entscheidende Rolle: die Wasserhärte. Hartes, kalkhaltiges Wasser hinterlässt Mineralablagerungen auf dem Haar, die die Schuppenschicht zusätzlich aufrauen und am Schließen hindern. Dies ist besonders in deutschen Großstädten ein Thema. So zeigen Analysen, dass Berlin mit bis zu 23,9 °dH eine der höchsten Wasserhärten aufweist, was die Haarpflege zur Herausforderung machen kann.

Um eine erste Einschätzung Ihrer Haarporosität zu erhalten, können Sie einen einfachen Test zu Hause durchführen. Die Ergebnisse geben Ihnen einen ersten Anhaltspunkt, den Sie dann mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus diesem Artikel vertiefen können.

Wasserglas mit schwimmenden und sinkenden Haarsträhnen zur Porositätsbestimmung

Wie die Abbildung zeigt, gibt das Verhalten der Haarsträhne im Wasser einen Hinweis auf den Zustand der Schuppenschicht. Ein schnelles Absinken deutet auf offene Schuppen hin, die sich rasch mit Wasser vollsaugen. Dieser visuelle Test ist ein guter Startpunkt, um die Bedürfnisse des eigenen Haares besser zu verstehen.

Ihr Aktionsplan: 3-Schritte-Test zur Bestimmung der Haarporosität

  1. Vorbereitung: Füllen Sie ein Glas zu drei Vierteln mit Wasser. Verwenden Sie für den Test eine saubere, frisch gewaschene Haarsträhne, die frei von jeglichen Styling- oder Pflegeprodukten ist.
  2. Durchführung: Legen Sie die einzelne Haarsträhne vorsichtig auf die Wasseroberfläche im Glas.
  3. Beobachtung & Analyse: Beobachten Sie das Verhalten der Strähne für einige Minuten. Sinkt sie schnell zu Boden, deutet dies auf eine hohe Porosität hin. Sinkt sie langsam und schwebt in der Mitte, haben Sie wahrscheinlich eine normale Porosität. Bleibt sie an der Oberfläche schwimmen, ist Ihre Porosität gering.

Letztlich ist hoch poröses Haar ein Hilferuf nach versiegelnder Pflege, die die aufgeraute Schuppenschicht glättet und die aufgenommene Feuchtigkeit im Inneren einschließt.

Warum liegen Pflegeprodukte nur auf Ihrem Haar auf, statt einzuziehen?

Wenn Sie das Gefühl haben, dass reichhaltige Kuren, Öle und Cremes Ihr Haar eher beschweren und fettig machen, anstatt es zu pflegen, liegt das wahrscheinlich an einer geringen Porosität. Im Gegensatz zu hoch porösem Haar ist hier die Schuppenschicht sehr eng anliegend und geschlossen. Diese dichte, glatte Oberfläche wirkt wie eine Schutzbarriere – was grundsätzlich gut ist, da das Haar Feuchtigkeit gut halten kann und von Natur aus glänzt. Die Kehrseite ist jedoch, dass diese Barriere auch für Pflegestoffe schwer zu durchdringen ist.

Die Produkte bleiben auf der Haaroberfläche liegen, weil ihre Moleküle zu groß sind, um durch die geschlossene Kutikula zu gelangen. Dies führt zum gefürchteten „Build-up“: Das Haar fühlt sich beschwert, wachsig oder sogar schmutzig an, obwohl es frisch gewaschen ist. Ein klassisches Beispiel ist Kokosöl. Wie eine Analyse der Wirkung von Inhaltsstoffen bei unterschiedlichen Porositäten zeigt, wird Kokosöl oft als Wundermittel für gering poröses Haar angepriesen, kann aber aufgrund seiner Molekülstruktur das Haar beschweren, während es bei hoher Porosität Frizz verursachen kann. Es belegt, dass die Molekülgröße eines Inhaltsstoffes entscheidend für seine Wirksamkeit ist.

Für gering poröses Haar sind daher leichte, wasserbasierte Produkte mit kleineren Molekülen ideal. Feuchthaltemittel wie Glycerin oder Aloe Vera können in Maßen hilfreich sein, während schwere Butter und Öle vermieden werden sollten. Die Kunst liegt darin, Feuchtigkeit zu spenden, ohne das Haar zu überladen. Der folgende Überblick fasst die optimale Strategie zusammen.

Optimale Inhaltsstoffe nach Haarporosität
Porosität Empfohlene Inhaltsstoffe Zu vermeiden
Gering Leichte Feuchtigkeitsspender, weniger Proteine Build-up durch schwere Produkte (z.B. Sheabutter, schwere Öle)
Normal Ausgewogene Protein-Feuchtigkeits-Balance Extreme in beide Richtungen (zu reichhaltig oder zu leicht)
Hoch Reichhaltige Cremes, Öle, Proteine zur Lückenfüllung Zu leichte Formeln, die keine Versiegelung bieten

Die Lösung liegt also nicht in reichhaltigerer Pflege, sondern in einer intelligenteren, leichteren Formulierung, die die geschlossene Haarstruktur respektiert und nicht überfordert.

Wann führt zu viel Keratin dazu, dass Haare hart werden und brechen (Protein Overload)?

Proteine, insbesondere Keratin, sind die fundamentalen Bausteine des Haares. Bei geschädigtem, hoch porösem Haar wirken proteinhaltige Produkte wie ein „Flickzeug“: Sie füllen die Lücken in der aufgerauten Schuppenschicht, stärken die Haarstruktur und machen sie widerstandsfähiger. Doch wie so oft im Leben gilt auch hier: Zu viel des Guten kann schaden. Ein sogenannter Protein Overload tritt auf, wenn dem Haar mehr Proteine zugeführt werden, als es aufnehmen oder integrieren kann.

Dieses Übermaß an Proteinen lagert sich an der Haaroberfläche an und bildet eine starre, unflexible Schicht. Das Haar verliert seine natürliche Elastizität, fühlt sich extrem hart, strohig und spröde an. Anstatt gestärkt zu werden, wird es brüchig und neigt bei der geringsten mechanischen Belastung – wie Kämmen oder sogar Zusammenbinden – zum Brechen. Dieses Phänomen ist besonders tückisch, da die Symptome (trockenes, sprödes Haar) oft fälschlicherweise als Mangel an Pflege interpretiert werden, was den Anwender dazu verleitet, noch mehr proteinreiche Produkte zu verwenden und das Problem zu verschlimmern.

Ein Protein Overload tritt besonders häufig bei Haaren mit geringer Porosität auf, da diese von Natur aus bereits eine gesunde, dichte Proteinstruktur haben und zusätzliche Proteine kaum aufnehmen können. Aber auch bei hoher Porosität kann eine übermäßige Anwendung von Keratin-Kuren oder proteinreichen Stylern schnell zum Ungleichgewicht führen. Die Balance zwischen Proteinen (Struktur) und Feuchtigkeit (Flexibilität) ist der Schlüssel zu gesundem Haar. Ist diese Balance gestört, leidet die Haarqualität.

Sollten Sie die Symptome eines Protein-Überschusses bei sich feststellen, ist schnelles Handeln gefragt. Ein gezielter „Rettungsplan“ kann helfen, die Balance wiederherzustellen:

  1. Symptome erkennen: Das Haar fühlt sich ungewöhnlich hart, steif und glanzlos an und bricht leicht.
  2. Tiefenreinigung: Verwenden Sie ein klärendes Shampoo (Clarifying Shampoo), um alle Proteinablagerungen gründlich von der Haaroberfläche zu entfernen.
  3. Fokus auf Feuchtigkeit: Wenden Sie eine intensive, aber komplett proteinfreie Feuchtigkeitsmaske an. Inhaltsstoffe wie Hyaluronsäure, Glycerin oder Aloe Vera sind hier ideal.
  4. Routine anpassen: Pausieren Sie alle proteinhaltigen Produkte (Kuren, Leave-ins, Styler) für mehrere Wochen und setzen Sie ausschließlich auf feuchtigkeitsspendende Formeln, bis das Haar seine Elastizität zurückgewinnt.

Das Ziel ist eine harmonische Balance, bei der Proteine die Struktur stützen und Feuchtigkeit für die notwendige Geschmeidigkeit und Flexibilität sorgt.

Wie hilft kaltes Wasser oder Conditioner, die Fasern nach der Wäsche zu glätten?

Die Reaktion des Haares auf Temperatur und Pflegeprodukte lässt sich am besten verstehen, wenn man sich erneut die Struktur der Schuppenschicht vor Augen führt. Diese winzigen, überlappenden Zellen können sich je nach äußerem Einfluss öffnen oder schließen. Warmes Wasser und ein alkalischer pH-Wert (wie bei vielen Shampoos) bewirken, dass die Schuppenschicht aufquillt und sich öffnet. Dies ist während der Reinigung vorteilhaft, da Schmutz und Produktreste entfernt werden können.

Nach der Wäsche ist das Ziel jedoch, diese Schuppenschicht wieder zu glätten und zu versiegeln. Eine geschlossene Kutikula schützt den inneren Haarschaft, verhindert Feuchtigkeitsverlust und reflektiert Licht, was dem Haar seinen natürlichen Glanz verleiht. Hier kommen zwei einfache, aber hochwirksame Methoden ins Spiel: Kälte und saure pH-Werte. Eine kalte Wasserspülung am Ende der Haarwäsche bewirkt eine physikalische Reaktion: Die Kälte zieht die Schuppen zusammen und zwingt sie, sich flach an den Haarschaft anzulegen. Tests haben gezeigt, dass die Wassertemperatur die Schuppenschicht direkt beeinflusst, was erklärt, warum das Haar nach einer kalten Spülung sofort glatter und glänzender wirkt.

Mikroskopische Ansicht von Haarschuppen in geschlossenem und geöffnetem Zustand

Die mikroskopische Ansicht verdeutlicht diesen Mechanismus: Links sehen wir eine durch Kälte oder sauren pH-Wert geschlossene, glatte Kutikula. Rechts ist die Schuppenschicht durch Wärme oder einen alkalischen pH-Wert geöffnet und aufgeraut. Ein Conditioner funktioniert nach einem ähnlichen, aber chemischen Prinzip. Er hat typischerweise einen sauren pH-Wert (zwischen 3,5 und 5,5), der den alkalischen Effekt des Shampoos neutralisiert und die Schuppenschicht ebenfalls zum Schließen anregt. Zusätzlich enthalten Conditioner oft positiv geladene (kationische) Inhaltsstoffe, die sich an die negativ geladenen, geschädigten Stellen des Haares anlagern, die Oberfläche glätten und für Kämmbarkeit sorgen.

Die Kombination aus einer kalten Spülung und der Anwendung eines Conditioners ist also kein Mythos, sondern eine wissenschaftlich fundierte Methode, um die Haarstruktur nach jeder Wäsche optimal zu schützen und zu versiegeln.

Warum sollten Shampoos einen pH-Wert von 5,5 haben, um die Faser zu schützen?

Der pH-Wert ist eine der am meisten unterschätzten, aber wichtigsten Kenngrößen in der Haarpflege. Die menschliche Haut und Kopfhaut haben einen natürlichen, leicht sauren pH-Wert von etwa 5,5. Dieser sogenannte Säureschutzmantel wehrt schädliche Mikroorganismen ab und hält die Hautbarriere intakt. Auch das Haar selbst hat im gesunden Zustand einen leicht sauren pH-Wert (ca. 3,7). Ein Shampoo mit einem pH-Wert von 5,5 ist daher „pH-hautneutral“ und respektiert dieses empfindliche Gleichgewicht.

Ein zu alkalisches Shampoo (pH > 7) stört diesen Säureschutzmantel empfindlich. Es führt dazu, dass die Schuppenschicht des Haares stark aufquillt und sich öffnet. Dies erhöht nicht nur die Reibung zwischen den einzelnen Haaren, was zu Haarbruch und Frizz führt, sondern macht das Haar auch anfälliger für Feuchtigkeitsverlust und weitere Schäden. Auch hier spielt die Wasserhärte eine Rolle: Hartes Wasser ist tendenziell alkalischer, wobei die durchschnittliche Wasserhärte in Deutschland bei etwa 16 °dH liegt. Dies kann den negativen Effekt eines alkalischen Shampoos noch verstärken.

Ein Shampoo mit einem leicht sauren pH-Wert um 5,5 hingegen reinigt das Haar, ohne die Schuppenschicht übermäßig zu öffnen. Es hilft, die Kutikula geschlossen und glatt zu halten, was die Porosität minimiert, den Glanz maximiert und die Haarfarbe länger erhält. Eine deutsche Marke, die dieses Prinzip seit Jahrzehnten verfolgt, ist Sebamed. Ihr Ansatz ist ein perfektes Beispiel für angewandte Haarbiologie: Wie in einer Analyse von pH-neutralen Shampoos hervorgehoben wird, stärkt das Sebamed Every-Day Shampoo mit seinem pH-Wert von 5,5 gezielt den natürlichen Hautschutzmantel und sorgt so für eine gesunde Kopfhaut als Basis für kräftiges Haar. Dies zeigt, dass eine wissenschaftlich fundierte Formulierung wichtiger ist als exotische Inhaltsstoffe.

Achten Sie daher bei der Wahl Ihres Shampoos nicht nur auf die beworbenen Wirkstoffe, sondern, falls angegeben, auch auf den pH-Wert. Es ist eine einfache Maßnahme mit maximaler Wirkung für die langfristige Gesundheit Ihrer Haare.

Warum reguliert Seide die Körpertemperatur bei 30 Grad besser als Polyester?

Auch wenn es zunächst nicht direkt mit Haarporosität zu tun zu haben scheint, ist die Wahl des Kissenbezugs eine entscheidende, passive Pflegemaßnahme. Die meisten Menschen verbringen rund acht Stunden pro Nacht im Bett, wobei ihr Haar ständiger Reibung auf dem Kissen ausgesetzt ist. Diese mechanische Belastung kann die Schuppenschicht aufrauen, was besonders bei vorbelastetem, hoch porösem Haar zu Frizz, Verknotungen und Haarbruch führt. Hier kommen die Materialeigenschaften von Seide ins Spiel.

Die Fasern von Baumwolle oder Polyester sind im Vergleich zu Seide rau und uneben. Sie absorbieren zudem Feuchtigkeit, was dem Haar über Nacht wichtige Lipide und Feuchtigkeit entzieht. Seide hingegen ist eine Proteinfaser mit einer extrem glatten und weichen Oberfläche. Das Haar gleitet darüber, anstatt daran zu reiben. Diese minimierte Reibung schont die Kutikula und verhindert, dass sie sich unnötig öffnet. Das Ergebnis: weniger Frizz, weniger Spliss und besser erhaltene Frisuren am Morgen.

Darüber hinaus besitzt Seide thermoregulierende Eigenschaften. Sie kann bis zu 30 % ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen, und gibt diese bei Bedarf wieder ab. Im Sommer kühlt sie, im Winter wärmt sie. Polyester hingegen ist nicht atmungsaktiv und fördert das Schwitzen, was die Kopfhaut irritieren und das Haar strähnig machen kann. Auch wenn neuere Materialien wie Bambusviskose ähnliche Vorteile in Bezug auf Glätte bieten, bleibt Seide aufgrund ihrer einzigartigen Proteinstruktur und thermoregulierenden Fähigkeiten der Goldstandard für den nächtlichen Haarschutz.

Für optimalen Schutz können Sie folgende nächtliche Routine etablieren:

  • Seiden- oder Bambuskissenbezug verwenden: Dies ist die wichtigste Maßnahme, um die mechanische Reibung zu minimieren.
  • Haare locker hochstecken: Ein lockerer Dutt oder eine geflochtene Frisur („Pineapple“-Frisur bei Locken) reduziert die Auflagefläche des Haares und schützt die Längen.
  • Leave-in Pflege: Eine kleine Menge Leave-in Conditioner oder ein leichtes Haaröl in den Spitzen verteilt, bietet zusätzlichen Schutz und Pflege über Nacht.

Die Investition in einen hochwertigen Kissenbezug ist somit keine Luxusentscheidung, sondern ein logischer Schritt in einer ganzheitlichen, auf den Schutz der Haarstruktur ausgerichteten Pflegestrategie.

Woran erkennen Sie an der INCI-Liste, ob eine Creme eher Wasser oder Fett liefert?

Die INCI-Liste (Internationale Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe) auf der Rückseite jedes Kosmetikprodukts ist der ehrlichste Ratgeber, den Sie haben können – wenn Sie wissen, wie man sie liest. Die Inhaltsstoffe sind nach ihrer Konzentration in absteigender Reihenfolge geordnet. Der Stoff an erster Stelle ist also am meisten enthalten. Dies allein gibt Ihnen den entscheidenden Hinweis, ob ein Produkt primär Feuchtigkeit (Wasser) oder Nährstoffe (Fett) liefert.

Steht „Aqua“ (Wasser) an erster Stelle, handelt es sich um eine wasserbasierte Formel. Diese Produkte sind ideal, um dem Haar Feuchtigkeit zuzuführen. Achten Sie auf weitere Inhaltsstoffe wie Glycerin, Aloe Barbadensis Leaf Juice (Aloe Vera) oder Panthenol. Dies sind sogenannte Feuchthaltemittel (Humectants), die Wasser anziehen und im Haar binden. Für gering poröses Haar sind solche leichten Formeln oft die beste Wahl. Doch Vorsicht: Bei hoher Luftfeuchtigkeit können zu viele Feuchthaltemittel bei hoch porösem Haar zu unerwünschtem Frizz führen, da sie Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft ins Haar ziehen und es aufquellen lassen.

Steht hingegen ein Öl oder eine Butter weit oben in der Liste – zum Beispiel Butyrospermum Parkii (Shea Butter), Cocos Nucifera Oil (Kokosöl) oder Argania Spinosa Kernel Oil (Arganöl) –, handelt es sich um eine fettbasierte oder sehr reichhaltige Formel. Diese Produkte sind darauf ausgelegt, das Haar zu nähren, die Schuppenschicht zu versiegeln und Feuchtigkeitsverlust zu verhindern (Okklusion). Sie sind die Rettung für trockenes, hoch poröses Haar, würden gering poröses Haar aber sofort beschweren und strähnig machen.

Die Kunst besteht darin, die Inhaltsstoffe Ihrer Porosität zuzuordnen. Eine Analyse deutscher Drogerieprodukte zeigt: Öle und Butter wirken bei hoher Porosität Wunder, belasten aber gering poröses Haar. Eine kluge Analyse der INCI-Liste schützt Sie vor Fehlkäufen und ermöglicht eine zielgerichtete Pflege, die genau auf die Bedürfnisse Ihres Haares zugeschnitten ist.

Nehmen Sie sich beim nächsten Einkauf einen Moment Zeit, um die Rückseite der Produkte zu studieren. Es ist der entscheidende Schritt, um vom passiven Konsumenten zum bewussten Haarpflege-Experten zu werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Haarporosität beschreibt die Fähigkeit des Haares, Feuchtigkeit aufzunehmen und zu halten, was vom Zustand der äußeren Schuppenschicht (Kutikula) abhängt.
  • Externe Faktoren wie der pH-Wert von Produkten und die Wasserhärte (Kalk) haben einen massiven Einfluss auf die Porosität und können die Wirkung von Pflegeprodukten zunichtemachen.
  • Die Balance zwischen feuchtigkeitsspendenden Inhaltsstoffen (z.B. Glycerin) und proteinbasierten Wirkstoffen (z.B. Keratin) muss auf die individuelle Porosität abgestimmt sein, um Effekte wie Build-up oder Protein-Überladung zu vermeiden.

Wie schützen Sie Ihr Haar im Sommerurlaub vor der tödlichen Kombi aus Salzwasser und UV-Licht?

Der Sommerurlaub am Meer ist für die Seele eine Wohltat, für die Haare jedoch purer Stress. Die Kombination aus intensivem UV-Licht, Salzwasser und häufigem Waschen mit potenziell sehr hartem Wasser kann selbst gesundes Haar in wenigen Wochen ruinieren. UV-Strahlen bauen die Proteinstruktur im Haar ab und bleichen die Pigmente aus, was die Faser schwächt und die Porosität erhöht. Salzwasser wirkt hygroskopisch, das heißt, es entzieht dem Haar Feuchtigkeit, während die Salzkristalle beim Trocknen die Schuppenschicht zusätzlich aufrauen.

Besonders kritisch wird es, wenn am Urlaubsort eine hohe Wasserhärte hinzukommt. Dies ist nicht nur im Ausland, sondern auch in vielen deutschen Urlaubsregionen der Fall. Ein extremes Beispiel ist Schloßkulm in Thüringen mit 46,53 °dH, was das Wasser extrem hart macht. Das ständige Ausspülen mit kalkhaltigem Wasser nach dem Schwimmen verstärkt die Austrocknung und macht das Haar spröde und stumpf.

Ein effektiver Schutzplan ist daher unerlässlich, um Haarschäden proaktiv zu verhindern, anstatt sie im Nachhinein mühsam zu reparieren. Die Strategie basiert auf Versiegelung, Schutz und sanfter Wiederherstellung. Mit ein paar einfachen Schritten können Sie die schädlichen Einflüsse minimieren und die Gesundheit Ihrer Haare auch im Urlaub bewahren.

Ihre Schutzroutine für den Strandtag sollte die folgenden Schritte umfassen:

  • Vorbereitung vor dem Schwimmen: Befeuchten Sie Ihr Haar gründlich mit sauberem Leitungswasser, bevor Sie ins Meer gehen. Das Haar saugt sich mit dem Süßwasser voll und kann so weniger schädliches Salzwasser aufnehmen.
  • Schutzschicht auftragen: Arbeiten Sie einen Leave-in Conditioner mit integriertem UV-Schutz oder ein wasserfestes Haaröl in die Längen und Spitzen ein. Dies bildet eine Barriere gegen Salz und Sonne.
  • Sofortiges Ausspülen: Spülen Sie das Haar nach jedem Bad im Meer sofort mit Süßwasser aus, um Salz- und Mineralrückstände zu entfernen.
  • Sanfte Abendpflege: Verwenden Sie am Abend ein mildes, feuchtigkeitsspendendes Shampoo und einen reichhaltigen Conditioner, um die Auswirkungen von hartem Wasser und Sonne auszugleichen. Eine wöchentliche Tiefenpflege-Maske hilft zusätzlich, die Feuchtigkeitsspeicher wieder aufzufüllen.

Die Vorbereitung auf extreme Bedingungen ist entscheidend. Mit dem richtigen Wissen über den Schutz vor Salzwasser und UV-Licht können Sie Ihren Urlaub unbeschwert genießen.

Indem Sie Ihr Haar wie Ihre Haut behandeln – mit präventivem Schutz und gezielter Pflege –, stellen Sie sicher, dass es nach dem Urlaub genauso erholt aussieht, wie Sie sich fühlen.

Fragen und Antworten zum Thema Haarporosität

Was steht bei wasserbasierten Produkten an erster Stelle?

Bei allen wasserbasierten Formulierungen, die primär Feuchtigkeit spenden sollen, steht „Aqua“ (Wasser) immer an erster Stelle der INCI-Liste, da es den größten Mengenanteil ausmacht.

Wie erkenne ich schwere Öle in der INCI-Liste?

Schwere, reichhaltige Inhaltsstoffe erkennen Sie an Begriffen wie „Butyrospermum Parkii Butter“ (Sheabutter), „Cocos Nucifera Oil“ (Kokosöl), „Ricinus Communis Seed Oil“ (Rizinusöl) oder verschiedenen Wachsen („Cera Alba“). Stehen diese weit oben in der Liste, deutet das auf eine sehr nährende, okklusive Formel hin.

Welche Inhaltsstoffe eignen sich für geringe Porosität?

Gering poröses Haar profitiert von leichten, feuchtigkeitsspendenden Inhaltsstoffen und benötigt in der Regel weniger Proteine. Suchen Sie nach leichten Ölen (z.B. Jojobaöl, Traubenkernöl) und Feuchthaltemitteln wie Glycerin oder Aloe Vera, die in wasserbasierten Formeln enthalten sind.

Geschrieben von Stefan Behrendt, Friseurmeister und Trichologe, spezialisiert auf Haargesundheit, Kopfhautprobleme und Farbkorrekturen.