
Die verbreitete Annahme, dass sich sprödes Haar mit Feuchtigkeit „heilen“ lässt, ist oft ein Trugschluss. Die wahre Ursache ist meist eine gestörte Haarstruktur (Porosität), die falsche Produkte nicht aufnehmen kann.
- Trockenheit ist ein Mangel an Lipiden oder Wasser, während Strukturschäden eine physische Verletzung der äußeren Schuppenschicht (Cuticula) sind.
- Die Haarporosität – die Fähigkeit des Haares, Feuchtigkeit aufzunehmen und zu halten – ist der entscheidende Faktor für die Wahl der richtigen Pflege.
Empfehlung: Führen Sie einen einfachen Porositätstest durch, bevor Sie in neue Produkte investieren. Das Ergebnis bestimmt, ob Ihr Haar leichte Feuchtigkeit oder reparierende Proteine benötigt.
Es fühlt sich spröde an, knistert beim Kämmen und jeder Glanz scheint verflogen – ein Zustand, den viele Frauen nur zu gut kennen. Der erste Impuls? Eine reichhaltige Maske, ein teures Öl oder ein feuchtigkeitsspendendes Serum. Man geht davon aus, dass das Haar einfach nur „durstig“ ist. Doch was, wenn diese gut gemeinten Maßnahmen das Problem im besten Fall nur kaschieren und im schlimmsten Fall sogar verschlimmern, indem sie das Haar beschweren und stumpf machen?
Als Trichologe, also als Haarwissenschaftler, betrachte ich das Haar nicht nur als ästhetisches Merkmal, sondern als komplexes biologisches Gebilde. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich Ihr Haar trocken *anfühlt*, sondern ob seine strukturelle Integrität beeinträchtigt ist. Oft liegt die Ursache für Glanzlosigkeit und Brüchigkeit nicht in einem einfachen Feuchtigkeitsmangel, sondern in einer geschädigten äußeren Schuppenschicht, der Cuticula. Diese funktioniert wie ein Tannenzapfen: Ist sie geschlossen und glatt, glänzt das Haar. Ist sie offen und aufgeraut, wirkt es stumpf und verliert Feuchtigkeit.
Dieser Artikel bricht mit dem Mythos der reinen Feuchtigkeitspflege. Stattdessen erhalten Sie einen wissenschaftlich fundierten Leitfaden, um eine präzise Eigendiagnose zu stellen. Wir werden die Porosität Ihres Haares testen, den fundamentalen Unterschied zwischen Spliss und Haarbruch analysieren und die Gesundheit Ihrer Kopfhaut als Basis für alles Weitere untersuchen. Nur wenn Sie die wahre Ursache kennen, können Sie die richtige Entscheidung treffen: pflegen oder schneiden.
Dieser Leitfaden führt Sie durch die wichtigsten diagnostischen Schritte, um den wahren Zustand Ihres Haares zu verstehen. Das Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die wissenschaftlichen Aspekte, die wir beleuchten werden.
Inhaltsverzeichnis: Der wissenschaftliche Blick auf Ihr Haar
- Wie testen Sie mit einem nassen Haar zu Hause, ob Ihnen Proteine oder Feuchtigkeit fehlen?
- Warum hilft bei Spliss nur die Schere, während Haarbruch gestoppt werden kann?
- Warum glänzt gesundes Haar und wie imitiert man diesen Effekt bei geschädigtem Haar?
- Verlieren Sie Haare an der Wurzel oder brechen sie in der Länge ab (und warum das wichtig ist)?
- Warum wächst kein gesundes Haar auf einer entzündeten Kopfhaut?
- Was ist der Unterschied zwischen trockener und dehydrierter Haut (und warum das wichtig ist)?
- Warum liegen Pflegeprodukte nur auf Ihrem Haar auf, statt einzuziehen?
- Was bedeutet „Haarporosität“ und warum entscheidet sie über Ihre Produktwahl?
Wie testen Sie mit einem nassen Haar zu Hause, ob Ihnen Proteine oder Feuchtigkeit fehlen?
Die wichtigste Eigenschaft, die über die Gesundheit Ihres Haares entscheidet, ist seine Porosität. Sie beschreibt, wie fähig die Schuppenschicht (Cuticula) ist, Feuchtigkeit aufzunehmen und zu speichern. Ein hochporöses Haar hat eine weit geöffnete Schuppenschicht; es nimmt Wasser schnell auf, verliert es aber genauso schnell wieder. Ein niederporöses Haar hat eine sehr geschlossene Schuppenschicht; es widersteht dem Eindringen von Wasser und Produkten. Die Balance zwischen Proteinen (Strukturgeber) und Feuchtigkeit (Flexibilität) ist direkt davon abhängig. Ein einfacher Test zu Hause gibt Ihnen den entscheidenden Hinweis.
Der Wasserglas-Test ist die gängigste Methode zur Bestimmung der Haarporosität. Er gibt Aufschluss darüber, wie intakt Ihre Cuticula ist. Ein Haar, das schnell sinkt, deutet auf hohe Porosität und somit auf Strukturschäden hin, die oft von Proteinen profitieren. Ein Haar, das lange an der Oberfläche schwimmt, hat eine geringe Porosität und benötigt eher leichte, feuchtigkeitsspendende Produkte.

Beobachten Sie das Verhalten des Haares genau. Laut Porositätstests ist ein langsames Absinken zum Boden ein Zeichen für eine normale, gesunde Porosität, bei der Feuchtigkeit und Proteine in einem guten Gleichgewicht sind. Diese Haare sind in der Regel am einfachsten zu pflegen. Ein weiterer Test ist der Dehnungstest: Ein gesundes, nasses Haar lässt sich leicht dehnen und federt zurück. Reißt es sofort, fehlt ihm Feuchtigkeit. Dehnt es sich stark wie ein Gummiband und zieht sich nicht mehr zusammen, hat es einen Überschuss an Feuchtigkeit und einen Mangel an Proteinen.
Ihr Diagnoseplan: Die Haarporosität in 3 Schritten bestimmen
- Wasserglas-Test durchführen: Legen Sie ein einzelnes, sauberes und trockenes Haar in ein Glas mit zimmerwarmem Wasser und beobachten Sie es für 2-3 Minuten. Schwimmt es? Sinkt es langsam? Geht es sofort unter?
- Dehnungs-Test am nassen Haar: Nehmen Sie eine einzelne nasse Strähne zwischen zwei Finger und ziehen Sie sie vorsichtig auseinander. Beobachten Sie, ob sie sich dehnt und zurückfedert, sich wie Gummi zieht oder sofort reißt.
- Trocknungszeit bewerten: Messen Sie, wie lange Ihr Haar nach dem Waschen an der Luft trocknet. Über 4 Stunden deutet auf hohe Porosität hin, während unter 2 Stunden auf geringe Porosität schließen lässt. Haare mit normaler Porosität trocknen meist in 2-3 Stunden.
Warum hilft bei Spliss nur die Schere, während Haarbruch gestoppt werden kann?
In der Trichologie unterscheiden wir präzise zwischen zwei Arten von Haarschäden, die oft verwechselt werden: Spliss (Trichoptilosis) und Haarbruch (Trichorrhexis nodosa). Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie bestimmt die einzig wirksame Gegenmaßnahme. Spliss ist eine unumkehrbare Spaltung der Haarspitze. Stellen Sie sich ein ausgefranstes Seil vor – man kann die Fasern nicht wieder zu einer Einheit „verkleben“. Jedes Produkt, das eine „Reparatur“ verspricht, kann die gespaltenen Enden nur temporär kitten, meist durch Silikone. Bei der nächsten Haarwäsche ist der Schaden wieder sichtbar.
Bei einer sogenannten Verwitterung, die durch chemische Behandlungen oder mechanische Belastung entsteht, wird das Haar matt und spröde. An den Spitzen kann sich Spliss bilden, der sich ohne einen Schnitt immer weiter nach oben frisst und das Haar ausdünnt. Die einzige Lösung, um diese fortschreitende Zerstörung zu stoppen, ist das konsequente Entfernen der betroffenen Spitzen mit einer scharfen Friseurschere.
Haarbruch hingegen ist ein Bruch an einer geschwächten Stelle entlang des Haarschafts, nicht zwingend an der Spitze. Diese Schwachstellen sehen unter dem Mikroskop wie kleine Knötchen aus. Im Gegensatz zu Spliss kann Haarbruch vorgebeugt und gestoppt werden. Die Ursache ist oft ein Ungleichgewicht von Feuchtigkeit und Protein, das das Haar unelastisch macht. Durch gezielte Pflege mit Proteinen, die die Lücken in der Haarstruktur auffüllen, und Feuchtigkeit, die für Flexibilität sorgt, kann die strukturelle Integrität des Haares gestärkt und der Bruchpunkt widerstandsfähiger gemacht werden.
Das Haar besteht aus der Hornsubstanz Keratin. Bei gesundem Haar liegen die Schuppen glatt an, reflektieren das Licht und lassen das Haar glänzen.
– Dr. Natalia Straub, Hautärzte St. Ahlen/Hamm
Warum glänzt gesundes Haar und wie imitiert man diesen Effekt bei geschädigtem Haar?
Der Glanz gesunden Haares ist reine Physik. Er entsteht, wenn Licht auf eine glatte, geschlossene Oberfläche trifft und gleichmäßig reflektiert wird. Diese Oberfläche ist die Cuticula, die äußere Schuppenschicht des Haares. Bei gesundem Haar liegen diese mikroskopisch kleinen Schuppen flach an, ähnlich wie bei einem Tannenzapfen bei trockenem Wetter. Das einfallende Licht wird wie von einem Spiegel zurückgeworfen, was wir als Glanz wahrnehmen. Bei geschädigtem, hochporösem Haar ist diese Schuppenschicht aufgeraut und lückenhaft. Das Licht wird in alle Richtungen zerstreut, statt reflektiert zu werden – das Haar wirkt matt und stumpf.

Den Glanz bei geschädigtem Haar zu imitieren, bedeutet daher, diese glatte Oberfläche künstlich wiederherzustellen. Es gibt temporäre und semi-permanente Strategien. Temporäre Lösungen wirken nur bis zur nächsten Wäsche. Dazu gehören Styling-Produkte mit Silikonen, die eine hauchdünne Schicht über das Haar legen und so die Oberfläche glätten. Eine andere Methode ist eine saure Spülung, zum Beispiel mit Apfelessig. Der niedrige pH-Wert sorgt dafür, dass sich die Schuppenschicht zusammenzieht und das Haar wieder mehr Licht reflektiert. Dies ist jedoch nur ein kurzfristiger Effekt.
Eine nachhaltigere Methode ist die Reparatur der Haarstruktur von innen. Proteinbehandlungen füllen die Lücken in der Cuticula auf und stärken das Haar. Dies ist keine reine Oberflächenkosmetik, sondern eine strukturelle Verbesserung, die mehrere Wochen halten kann. Die Wahl der richtigen Methode hängt vom Grad der Schädigung und der Porosität ab.
| Methode | Wirkungsweise | Dauer |
|---|---|---|
| Saure Spülung (pH 4-5) | Schließt Schuppenschicht | Temporär (1-2 Wäschen) |
| Silikone (wasserlöslich) | Oberflächenversiegelung | Bis zur nächsten Wäsche |
| Proteinbehandlung | Strukturreparatur | 2-4 Wochen |
Verlieren Sie Haare an der Wurzel oder brechen sie in der Länge ab (und warum das wichtig ist)?
Die Beobachtung, ob Sie ganze Haare verlieren oder nur abgebrochene Stücke finden, ist ein entscheidender diagnostischer Schritt. Haarverlust an der Wurzel (Telogen-Effluvium) und Haarbruch sind zwei völlig unterschiedliche Phänomene mit unterschiedlichen Ursachen und Behandlungsansätzen. Ein ausgefallenes Haar erkennen Sie an dem kleinen, weißen Kolben (der Haarwurzel) an einem Ende. Finden Sie dieses Merkmal nicht, handelt es sich um Haarbruch.
Ein gewisser Haarverlust ist Teil des natürlichen Haarzyklus. Ein Verlust von 50 bis 100 Haaren täglich gilt bei einem gesunden Erwachsenen in Deutschland als völlig unbedenklich. Dieser Zyklus besteht aus einer langen Wachstumsphase (Anagen), einer kurzen Übergangsphase und einer Ruhephase (Telogen), an deren Ende das Haar ausfällt, um Platz für ein neues zu machen. Verstärkter Haarverlust an der Wurzel kann jedoch auf interne Faktoren wie hormonelle Schwankungen, Nährstoffmängel, Stress oder Krankheiten hindeuten. In diesem Fall ist die Pflege der Längen zweitrangig; die Ursache muss intern, oft in Absprache mit einem Arzt oder Dermatologen, geklärt werden.
Finden Sie hingegen vermehrt kurze Haarstücke auf Ihrer Kleidung, im Waschbecken oder in Ihrer Bürste, ohne den weißen Kolben, leiden Sie unter Haarbruch. Die Ursache ist hier extern und liegt in einer geschwächten Haarstruktur. Aggressives Bürsten, Hitzestyling, chemische Behandlungen oder schlicht eine falsche Pflegeroutine, die die Porosität des Haares ignoriert, führen zu sprödem, unelastischem Haar, das unter mechanischer Belastung bricht. Hier liegt die Lösung in der Anpassung Ihrer Pflegeroutine: sanftere Handhabung, Hitzeschutz und eine auf Ihre Porosität abgestimmte Balance aus Proteinen zur Stärkung und Feuchtigkeit zur Flexibilisierung.
Warum wächst kein gesundes Haar auf einer entzündeten Kopfhaut?
Die Kopfhaut ist das Fundament, aus dem gesundes Haar wächst. Jede Störung in diesem Nährboden hat direkte Auswirkungen auf die Qualität und das Wachstum der Haare. Eine entzündete, gereizte oder unausgeglichene Kopfhaut kann die Haarfollikel nicht optimal versorgen. Man kann es sich wie einen Garten vorstellen: Auf einem ausgelaugten, kranken Boden kann keine robuste Pflanze gedeihen. Eine Entzündung der Kopfhaut ist daher nicht nur ein kosmetisches Problem mit Schuppen oder Juckreiz, sondern eine ernsthafte Bedrohung für die Haargesundheit.
Entzündliche Prozesse, oft begleitet von Rötungen, Spannungsgefühlen oder Schuppenbildung, stören den Blutfluss zu den Haarfollikeln. Dadurch wird die Zufuhr von Sauerstoff und essenziellen Nährstoffen beeinträchtigt. Das Haar, das unter diesen Bedingungen wächst, ist oft dünner, schwächer und hat von Anfang an eine beeinträchtigte strukturelle Integrität. In schweren Fällen kann eine chronische Entzündung, Infektion oder Erkrankung der Kopfhaut sogar zu dauerhaftem Haarverlust führen. Eine exakte Diagnostik durch einen Spezialisten ist hierbei essenziell.
Besonders kritisch wird es bei der sogenannten vernarbenden Alopezie. Diese Form des Haarausfalls tritt als Folge von schweren Entzündungen auf, die durch Autoimmunerkrankungen, Pilzinfektionen oder Verletzungen verursacht werden können. Die Entzündung ist hier so stark, dass sie die Haarfollikel permanent zerstört und durch Narbengewebe ersetzt. Einmal zerstört, kann ein Follikel kein neues Haar mehr produzieren. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Kopfhautprobleme frühzeitig und ernsthaft zu behandeln. Die Pflege der Haarlängen ist sinnlos, wenn das Fundament, die Kopfhaut, krank ist.
Was ist der Unterschied zwischen trockener und dehydrierter Haut (und warum das wichtig ist)?
Dieses Prinzip der Unterscheidung gilt nicht nur für die Gesichtshaut, sondern ist fundamental für das Verständnis von Kopfhautproblemen. Eine „trockene Kopfhaut“ und eine „dehydrierte Kopfhaut“ werden oft synonym verwendet, beschreiben aber zwei unterschiedliche Zustände mit unterschiedlichen Ursachen. Die Verwechslung führt oft zur falschen Behandlung. Eine trockene Kopfhaut ist ein Hauttyp, der genetisch bedingt ist. Ihr fehlt es an Lipiden (Fett), da die Talgdrüsen nicht genügend Sebum produzieren. Dies führt zu kleinen, feinen, weißen Schüppchen, die leicht herabrieseln. Dieser Zustand ist meist permanent und benötigt eine nährende, lipidreiche Pflege.
Eine dehydrierte Kopfhaut hingegen ist ein vorübergehender Zustand, kein Hauttyp. Ihr fehlt es an Wasser (Feuchtigkeit), nicht an Fett. Paradoxerweise kann eine dehydrierte Kopfhaut sogar versuchen, den Feuchtigkeitsmangel durch eine Überproduktion von Talg zu kompensieren, was zu fettigen Schuppen und einem Spannungsgefühl führt. Ursachen sind oft externe Faktoren wie trockene Heizungsluft im Winter, zu häufiges Waschen mit aggressiven Shampoos oder die falschen Pflegeprodukte. Dieser Zustand erfordert feuchtigkeitsspendende (humektante) Inhaltsstoffe, nicht zwingend mehr Öl.
Die Unterscheidung ist entscheidend für die Produktwahl. Eine lipidreiche Ölkur auf einer dehydrierten, aber bereits fettigen Kopfhaut würde das Problem nur verschlimmern. Umgekehrt würde ein leichtes Feuchtigkeitsserum einer genetisch trockenen Kopfhaut nicht die nötigen Lipide zuführen.
Meide Haarprodukte mit aggressiven Chemikalien, wie Ammoniak oder Sulfate. Auch auf Haarpflegeprodukte mit künstlichen Zusätzen, wie Silikone und Parabene, solltest du verzichten.
– Beurer Gesundheitsratgeber, Haarpflege Routine Guide 2024
| Merkmal | Trockene Kopfhaut | Dehydrierte Kopfhaut |
|---|---|---|
| Ursache | Fettmangel (genetisch) | Feuchtigkeitsmangel |
| Symptome | Kleine, trockene Schüppchen | Spannungsgefühl, kann fettig sein |
| Jahreszeit | Ganzjährig präsent | Winterproblem durch Heizungsluft |
Warum liegen Pflegeprodukte nur auf Ihrem Haar auf, statt einzuziehen?
Das frustrierende Gefühl, dass teure Pflegeprodukte einfach auf dem Haar „sitzen“, es beschweren oder sogar strähnig machen, anstatt es zu pflegen, ist ein klassisches Symptom für eine geringe Haarporosität. Wie bereits erwähnt, bedeutet geringe Porosität, dass die Schuppenschicht des Haares sehr dicht und geschlossen ist. Das ist grundsätzlich ein Zeichen für gesundes Haar, macht die Pflege aber zu einer Herausforderung. Die dichte Struktur wirkt wie eine Barriere, die das Eindringen von Feuchtigkeit und Pflegestoffen erschwert.

Reichhaltige, cremige Masken oder schwere Öle, die für geschädigtes, hochporöses Haar formuliert sind, enthalten oft große Moleküle, die nicht durch die geschlossene Cuticula dringen können. Sie lagern sich auf der Haaroberfläche ab und führen zu dem, was man als „Build-up“ bezeichnet. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es bei geringer Porosität eine Weile dauert, bis Wasser eindringt, und sich Produkte leicht auf der Kopfhaut und dem Haar ablagern. Das Haar fühlt sich dann nicht gepflegt, sondern beschwert und leblos an.
Die Lösung liegt in der Wahl der richtigen Produkte und Anwendungstechnik. Menschen mit gering porösem Haar sollten auf leichte Formulierungen setzen: Seren, Lotionen oder Conditioner auf Wasserbasis. Inhaltsstoffe mit kleinen Molekülen wie Glycerin, Aloe Vera oder Panthenol können leichter eindringen. Ein weiterer Trick ist die Anwendung von Wärme. Eine warme Dusche oder das Einwickeln der Haare in ein warmes Handtuch nach dem Auftragen einer Kur kann helfen, die Schuppenschicht leicht zu öffnen und die Aufnahme der Pflegestoffe zu verbessern. Ein regelmäßiges Tiefenreinigungsshampoo kann zudem helfen, Produktablagerungen zu entfernen und das Haar wieder aufnahmefähiger zu machen.
Reset-Protokoll bei Produktablagerungen
- Tiefenreinigung: Verwenden Sie alle 2-3 Wochen ein Tiefenreinigungsshampoo (Clarifying Shampoo), idealerweise mit Chelatbildnern, um Mineralien aus hartem Wasser zu entfernen.
- Klares Spülen: Spülen Sie das Haar nach der Reinigung mit destilliertem oder gefiltertem Wasser, um neue Ablagerungen zu minimieren.
- Leichte Pflege wählen: Setzen Sie in Ihrer täglichen Routine auf leichte, wasserbasierte und silikonfreie Produkte, die das Haar nicht beschweren.
- Wärme nutzen: Tragen Sie Kuren oder Masken unter einer Duschhaube auf und wickeln Sie ein warmes Handtuch darum, um die Penetration zu fördern.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Porosität Ihres Haares, nicht das Gefühl der Trockenheit, bestimmt die richtige Pflege.
- Spliss ist eine unumkehrbare Spaltung, die einen Schnitt erfordert; Haarbruch ist eine Schwächung, die durch Pflege gestoppt werden kann.
- Die Gesundheit der Kopfhaut ist das absolute Fundament für kräftiges Haar; Entzündungen müssen vorrangig behandelt werden.
Was bedeutet „Haarporosität“ und warum entscheidet sie über Ihre Produktwahl?
Wir haben den Begriff der Haarporosität in diesem Leitfaden mehrfach berührt, und das aus gutem Grund: Sie ist das zentrale diagnostische Merkmal, das über Erfolg oder Misserfolg Ihrer gesamten Haarpflege entscheidet. Die Porosität ist kein Marketing-Gag, sondern eine messbare physikalische Eigenschaft Ihres Haares. Sie definiert, wie leicht Wasser, Öle und Proteine in den Haarschaft eindringen und dort verbleiben können. Diese Eigenschaft zu ignorieren ist, als würde man versuchen, eine Pflanze für trockenen Boden in einem Sumpf zu züchten – das Ergebnis ist vorprogrammiert.
Zusammenfassend lassen sich drei Stufen unterscheiden: Geringe Porosität bedeutet eine geschlossene Schuppenschicht. Das Haar ist oft glänzend, aber resistent gegen Pflege und neigt zu Produktablagerungen. Es benötigt leichte, feuchtigkeitsspendende Produkte und Wärme, um sie aufzunehmen. Normale Porosität ist der Idealzustand. Die Schuppenschicht ist leicht geöffnet, lässt Feuchtigkeit gut eindringen und speichert sie effizient. Dieses Haar ist unkompliziert und verträgt eine ausgewogene Pflege. Hohe Porosität bedeutet eine weit geöffnete, oft lückenhafte Schuppenschicht, meist durch chemische oder mechanische Schäden. Das Haar nimmt Produkte schnell auf, verliert sie aber ebenso schnell wieder. Es schreit förmlich nach reparierenden Proteinen und versiegelnden Lipiden, um die Feuchtigkeit im Haar zu halten.
Die Kenntnis Ihrer Porosität ist der Schlüssel zur effektiven Produktwahl. Haare mit geringer Porosität benötigen weniger Protein, während mittelporöse Haare eine ausgewogene Menge an Proteinen benötigen. Hochporöse, stark geschädigte Haare profitieren von einer hohen Menge an Proteinen, um die strukturellen Lücken zu füllen. Indem Sie Ihre Produkte auf Ihre Porosität abstimmen, geben Sie Ihrem Haar genau das, was es braucht, um seine strukturelle Integrität wiederherzustellen oder zu erhalten. Dies ist der Übergang von einem reaktiven „Reparieren“ zu einem proaktiven, wissenschaftlich fundierten Pflegen.
Jetzt, da Sie mit dem nötigen trichologischen Wissen ausgestattet sind, um eine fundierte Diagnose zu stellen, liegt die Macht in Ihren Händen. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Haar nicht nur zu pflegen, sondern es wissenschaftlich zu verstehen und ihm gezielt das zu geben, was es wirklich braucht.
Häufige Fragen zur Diagnose des Haarzustands
Ab wann ist Haarausfall bedenklich?
Ein Verlust von mehr als 100 Haaren pro Tag oder eine deutlich spürbare Zunahme der ausgefallenen Haare gilt als bedenklich. Achten Sie auf mehr Haare als üblich auf dem Kopfkissen, in der Haarbürste oder im Abfluss der Dusche.
Was ist der normale Haarzyklus?
Der Haarzyklus besteht aus drei Phasen. Die aktive Wachstumsphase (Anagenphase) dauert zwei bis sechs Jahre. Darauf folgt eine kurze Übergangsphase, bevor das Haar in die Ruhephase (Telogenphase) eintritt, die zwei bis sechs Monate andauern kann. Am Ende dieser Phase fällt das Haar aus.
Wie oft kann ein Haarfollikel nachwachsen?
Jeder einzelne Haarfollikel kann diesen Zyklus aus Wachstum, Übergang und Ausfall zwischen 10 und 30 Mal in einem Leben durchlaufen. Diese Anzahl ist genetisch festgelegt und bestimmt die maximale Lebensdauer der Haarproduktion einer Haarwurzel.